Ich werde immer wieder gefragt, wie es uns in Moskau geht und ob wir die Krise vor Ort spüren. Was mit den Sanktionen ist und ob wir unter dem schwachen Konsum leiden. Natürlich. Das mit ein Grund, warum wir keine neuen russischen Kunden mehr akquirieren können und dass unsere vorhandene Kundenstruktur sich konsolidierte. 
Sodass wir zwar Arbeit und Auslastung haben, aber fast ausnahmslos nur noch internationale Kunden bedienen.

Umso positiver überrascht war ich als ich dieses Wochenende durch Moskau wanderte und nicht nur die Lebenslust der Russen spürte, sondern auch viele andere kleinere Veränderungen wahrnahm, die Moskau wieder interessanter machen.

Nichts ist mehr von der Lähmung zu spüren, die man hatte, als die Sanktionen der EU ausgesprochen wurden. Die Russen hatten die Sanktionen in ihrer eigenen stoischen Ruhe und Duldsamkeit entgegengenommen und ertragen. Doch man spürte, dass man von einer hohen Lebensqualität – Einsparungen erwartete und nicht wie in früheren Krisen, aus der allgegenwärtigen Not noch weniger bekommen würde.

Die Russen haben sich an die Verfügbarkeit der Lebensmittel, der Kleidung und vieler anderer Konsumgüter gewöhnt und man hatte in Europa vielleicht gedacht, dass der Effekt der Sanktionen länger anhalten würde. 
Die russische Bevölkerung fühlte sich verraten und auch in gewisser Weise missverstanden, die Informationen und vor allem die Interpretationen ihrer Politik wurden unter dem Einfluss weltpolitischen Ziehen und Trachtens, einseitig verurteilt und man machte sich gar nicht die Mühe ehrliche Diplomatie zu Rate zu ziehen.

Nun das ist jetzt Schnee von gestern, der Schnee ist tatsächlich weg und die „Tsvetis“ (Blumen) sprießen an allen Ecken in Moskau. Der neue Bürgermeister Sobyanin Sergei Semenovich, hat Zeichen gesetzt. Alte Häuser (Schwarzbauten) wurden rigoros abgerissen und es wurde den Fußgängern wieder Luft zum Atmen gegeben.

Die unzähligen kleinen Verkaufsbuden, Snack, Elektro, Textilien Stände, die Bazar ähnlich in allen Plätzen rund um die Drehscheiben der Metrokreuzungspunkte angesiedelt waren, sind großzügigen Fußgängerzonen und geordneten Parkplätzen für Autos gewichen. Alles was vom früheren Bürgermeister geduldet, teilweise vielleicht sogar gefördert wurde, wurde unter der Prämisse „sauberes, serviceorientierteres Moskau“ dem Boden gleich gemacht.

Jetzt nachdem die Straßen von den unzähligen, nicht enden wollenden Baustellen befreit wurden und die Baustellen auch viel geordneter durchgeführt werden, ist der Verkehr zwar immer noch heftig aber bei weitem nicht mehr so stressig.

Die gesamte Innenstadt wird Radar überwacht und ist mit einem Verkehrsleitsystem ausgestattet worden. Die Hauptstraßen und Nebenstraßen haben teilweise schon richtige Fahrradwege und die Fußgänger dürfen sich freuen, denn all die ausgebesserten löchrigen Fußgängerwege werden nun sukzessive durch Plattenbeläge erneuert. Ganze Fußgängerzonen sind entstanden mit Grünstreifen und Sitzflächen. Fahrradstationen die man von anderen Großstädten kennt, wurden installiert. Das wäre alles nichts Besonderes und der eine oder andere wird sagen was erzählt der Gruschwitz uns da …

Das ist schon lange überfällig und es macht Spaß zu sehen wie eine Großstadt, Service- und Menschenfreundlicher wird. Doch viel interessanter für uns im Westen ist, dass der BM eine Gruppe von jungen Architekten und Stadtplanern durch die Welt der Großstädte geschickt hat und alles zusammentragen ließ was in den einzelnen Städten digital und neu ist.

So kann man die Fahrräder mit der Metrocard ordern. Das Smartphone an den neu geschaffenen GPS Stationen an der Bushaltestelle aufladen und gleichzeitig die aktuelle Ankunftszeit der Busse empfangen. Die Metro kann man bald, wie in London auch, mit der Kreditkarte bezahlen. Die Metro an sich bekommen neue Schilder mit internationalen Schriftzeichen und das ist für einige moskauerfahrene Metrofahrer wirklich eine Erleichterung.

Die neugeschaffenen Parkplätze sind digital überwacht und mittels einer App lässt sich Minutengenau die Parkgebühr abrechnen.

Einige werden dem „schwarzfahrenden“ Taxi nachtrauern, doch auch das gehört zu einer zivilisierten Entwicklung dazu. Uber und andere Taxiapps sind allgegenwärtig. Internet kann man mittlerweile an vielen Metrostationen bekommen und das Netz wird rasant ausgebaut.

Die Leinwände, nicht nur am Arbat sondern überall in der Stadt, haben neue Dimensionen angenommen, 4.000 m² Digitale Wände sind keine Seltenheit mehr. Natürlich werden Werbebotschaften abgespielt, doch auch Informationen und Verhaltenshinweise sind dabei – ähnlich, wie in unseren Citywerbungen bei den U-Bahnhöfen. Jede Woche kommen neu renovierte Metrostationen dazu –  es ist geplant die Knotenpunkte zu Shoppingzellen in geordneten Bahnen zu bauen.

Alte Industrieanlagen sind in Kreativ Zentren und Hotspot verwandelt worden.

Es sieht so aus, dass die WM 2018, Ziel des Ganzen ist. Moskau will sich digital und international ganz weit vorne zeigen und der Frühling 2016 ist ein schönes Zeichen dafür, das der Bürgermeister auf dem richtigen Weg ist. Viele guten Ideen aus Tokio, Hongkong, Singapur, Shanghai und anderen Metropolen sind gesammelt worden – jetzt ist es an der Zeit diese einzusetzen.

Moskau sei es gegönnt und hat es verdient mehr Aufmerksamkeit zu bekommen und ob es den Moskowiten wieder besser geht oder nicht so gut geht, kann man daran erkennen, dass die Shopping Malls wieder voll sind, die Menschen interessanten neuen Konzepten folgen und das die Restaurationen wieder voller werden.