Tokio – Zugegeben Ich hatte Erwartungen und auch eine gewisse Vorfreude, denn alle sagten mir Du musst diese Stadt sehen, die Japaner sind so weit im Bereich der Technik am POS, machen alles mit Robotern und automatisieren alles. Dazu die riesigen Metropolen und Maßen an Menschen (11 Mio Einwohner in Tokio / im Großraum sogar 35 Mio.). Wie wird diese gigantische Anzahl an Einwohnern befördert und wie strukturiert sich der extrem teure Immobilien-Markt? Wie gehen die Japaner oder besser gesagt „Tokioaner“ damit um? Wie ist es tatsächlich vor Ort, was können wir lernen und wie gehen die Läden und Geschäfte mit der Verbindung online und stationärem Handel um? Was machen die Shoppingcenter mit dem beengten Raum und wie können sich die Marken solch hohe Mieten leisten? Vor allem, da wir wissen, dass die Wirtschaft schon seit Jahren bestenfalls eine schwarze 0 schreibt und weit weg von einem „Boom“ ist.

Mit all diesen Informationen und einem Artikel aus der Welt, der uns über die großen neuen Flagshipstores berichtet, wurden wir auf die Reise geschickt. An dieser Stelle Danke an die tolle Organisation vom Team!

Was aufgefallen ist, die Japaner sind unglaublich diszipliniert. Das Dienen lernen sie schon als Kinder und obrigkeitshörig sind sie zusätzlich. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Geschäfte pünktlich wie mit der Stechuhr öffnen und schließen.
Mit der Gefahr von Naturkatastrophen ist man in Japan schon immer konfrontiert und wir wurden Zeugen einer Hochhaus-Evakuierung. Tadellos und geordnet. Kein Lärm, keiner tanzt aus der Reihe. Auch symptomatisch für die Einstellung der Japaner.
Sauberkeit, Ordnung und Ruhe bewahren, es kommt einem vor, als ob in der Stadt eine Beruhigungswolke schwebt. Keine Hektik, kein lauter Verkehr, keine schnellen „Haster“ und keine lauten Geräusche. Unglaublich bei dieser Anzahl an Menschen.

Tokio hat Charme

Die Details sind es, was Tokio ausmacht, nicht die lauten und großen Superlativen. Die etwas überalterten Hochhäuser sind nach den bekannten japanischen Weltmarken benannt.
Wir haben viel gesehen, starke Eindrücke bekommen, auch die Art, wie die Japaner mit der Gemeinschaft umgehen und im Kollektiv entscheiden, ist für unsere demokratische Streitkultur – fremd.

Ein Beispiel? Das ein ganzes Viertel von kleinen Eigentumshäusern, in ein vertikal orientiertes Wohn-, Arbeits- Shopping- und Erholungszentrum umgewandelt wird und das binnen 30 Jahren entwickelt und realisiert wird, ist undenkbar in unserer derzeitigen Kulturlandschaft. Wie sagte es der Leiter des Projektes so schön: „Jetzt sind alle glücklich“…

Zurück zu den Details. Die Liebe zur Natur sieht man an den Fassaden, begrünte und vertikale Bepflanzungen gehören zum guten Ton. Auch innen strebt man nach Nachhaltigkeit. Hier stehen die grellen und lautstarken Mangas und Anime Werbungen, dem Ikebana und Zen gegenüber. Alles wird in stoischer Ruhe und einer Rücksicht begegnet, sodass immer wieder die Frage aufkommt: Wann schreien die Japaner Ihren Frust eigentlich raus?

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„NIKO AND …“ Store in Tokio

Lärmanzeigen an den Bauzäunen, kaum spürbaren Autoverkehr, Toiletten an vielen Orten und immer mit einem Hauch von Wellnessfeeling. Ein kurzes Beispiel: Jede Toilette war nicht nur sauber und hat gut gerochen, sie war auch teilweise mit beheizter Brille und integriertem Bidet, immer ein Ort der Entspannung und Erholung.

Die Shops in der „Ginza Strasse“ sind sehenswert. Die Art und Weise, wie mit den beengten Räumen umgegangen wird, ist beispiellos und dass im 7. Stockwerk immer noch Läden zu finden sind, welche eigentlich nur über ein Schild auf sich hinweisen und über einem etwas besseren Hauseingang zu erreichen sind, ist für die mitgereisten Entwickler und Vermarkter ein wahres Wunder. Weltmarken, wie Bodyshop zum Beispiel, begnügen sich mit einer 80 cm breiten Front. Auf der anderen Seite erschließt die Swatchgroup seine gesamte Markenwelt über 9 Etagen mittels Markenaufzüge (jede Marke einen Lift), einer gigantischen grünen Wand und vielen offenen Terrassen. Uniqlo hat mit seinem 11 Etagen Flagship-Store, seine Dominanz dargestellt und mit dem Anschluss an den dahinter liegenden, kürzlich eröffneten,  Dover Street Market einen tollen Image Transfer bewerkstelligt.

Verwundert hat auch, dass Shisedo nicht nur Kosmetik verkauft, sondern auch Süsswaren – Wie passend.

Kulinarische & einzigartige Highlights

Die Flagship-Stores in Tokio sind unvergleichlich. Keine Marke zeigt alltägliches und jeder bemüht sich um Anerkennung und Wertschätzung.
Die Menschen strömen in die Center. Der Verkehr fließt diszipliniert, fast lautlos an einem vorbei – Ist man wirklich noch in einer Megametropole? Kein Vergleich zu den lauten und turbulenten Straßen von anderen Weltstädten. Selbst im überschaubaren München haben wir mehr Stress im Verkehr. In Tokio bekommt man den Eindruck von Tiefenentspannung im täglichen Leben.

Die Vielfalt ist ein weiteres Merkmal von Tokio. Ob in den Zentren oder auf der Straße, die diversen Trendviertel haben uns einen guten Eindruck gegeben über die Szene der Stadt. Es waren viele junge Leute und Familien auf den Beinen – die Schrille-Szene ist genauso ein Teil davon, wie die Business-Szene. Alle sind stylisch und gut gekleidet

Das Essen ist fantastisch – Sushi, Kobe, Sashimi, Undo, Ramen. Sehr viele individuelle Restaurants in allen Facetten und Größen, einige im Untergeschoss beziehungsweise in den Rooftops. Natürlich gibt es alle internationalen Küchen, doch besonders das Bier und die Gemütlichkeit sind ein Trend der nicht zu übersehen ist. Neue Konzepte in der Fusion von Food und Retail, schießen an allen Ecken aus dem Boden. Doch was uns allen aufgefallen ist: Die Digitalisierung.

Retail is Detail

Wo sind die technischen Meilensteine und Trends am POS die wir erwartet hatten? Natürlich sind ein paar Screens zu sehen, auch ist überall WiFi vorhanden, aber dies ist in den westlichen Retail-Konzepten inzwischen Standard. Alles ist sehr traditionell, viele lachende Gesichter und höflich verneigende Personen. Eine Frage nach irgendeinem Ort endet damit, dass man selbstverständlich bis zum Bestimmungsort geleitet wird.

Retail ist Detail – gerade in Japan, wo sehr auf das Detail geachtet wird. Duft, Licht und authentische Materialien sind wichtig. Klare Orientierung, Sauberkeit nicht nur optisch auch in der Warenbehandlung und Warendarstellung.

Sitzflächen und Grüne-Bereiche, Möglichkeiten der Degustation und Familienfreundliche Räume. Mehr direkte, freundliche und persönliche als digitale Beratung. Keine schrille Musik – kein lautes Geräusch stört die Atmosphäre.

Es gäbe noch viel zu erzählen, alles in Allem, nichts komplett Neues, keine Superlativen sondern viel Liebe zum Detail. Tolle Menschen, ein modernes in den Traditionen verhaftetes Land, dass man schwer einschätzen kann. In ihrer Disziplin und Struktur einmalig und erfolgreich, doch keine Blaupause für Europa und der dortigen Kultur und Aufklärung.

Eine super Gruppe, viele kompetente Gespräche und gute Stimmung. Wir begrüßten uns als Fremde und verabschiedeten uns mit einem Lachenden und weinenden Auge. Wir sind uns alle einig, dass wir in Deutschland nicht abgeschlagen sind in der Digitalisierung, trotzdem müssen wir uns ranhalten um international weiter mitzuhalten. Doch wenn wir nichts in der Infrastruktur auf allen Ebenen bewegen, dann werden wir keine Chance im internationalen Wettbewerb haben.

Disziplin und Serviceorientiert sind Werte die auch uns im Weiterkommen geholfen haben und vieles erleichtern, doch unsere Fähigkeit individuelle Lösungen und kreative Spontanität zu zulassen, wird uns auch weiterhin mit an der Spitze halten.